BHS-Hessen

 
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Erziehungsvertäge

Erziehungsverträge – Neue Chancen aus schulpsychologischer Sicht -
Marianne Heiser & Rolf Hahn

In der am 18. Dezember 2001 unterzeichneten „Wiesbadener Erklärung“ einigten sich Kultusministerium und Landeselternbeirat darauf, die „Gemeinsame Erziehungsverantwortung in Schule und Elternhaus“ stärken zu wollen. Auf freiwilliger Basis geschlossene Erziehungsverträge werden darin als ein „gestalterisches Bindeglied“ zwischen Eltern und Schule und als ein geeignetes Instrument für die Schaffung einer konfliktärmeren und lernfördernden Schule angesehen.

Erziehungsverträge sollen dazu beitragen, Hoffnungen, Erwartungen und Wünsche sowohl von Eltern als auch von Lehrerinnen und Lehrern transparent zu machen und auf diesem Hintergrund Ziele zu formulieren und Vereinbarungen zu treffen bezüglich dessen, was jeder Beteiligte zur Erreichung dieser Ziele beitragen kann.

Im schulischen Alltag hängen Nutzen und Nutzung von Erziehungsverträgen von einem komplizierten Beziehungsgeflecht ab:

Eltern wollen, dass ihre Kinder die Schule erfolgreich durchlaufen. Lehrerinnen und Lehrer wollen, dass Kinder in der Schule viel lernen.

Diese Erwartungen erfüllen sich in den meisten Fällen.

Schließlich haben Eltern Vorstellungen davon, wie Schule funktioniert, und Lehrerinnen und Lehrer haben Vorstellungen darüber, wie Kinder lernen. Bei den Schülerinnen und Schülern, bei denen sich diese Wünsche und Hoffnungen (von einer oder beiden Seiten) nicht erfüllen, liegt es in der Regel an unausgesprochenen Erwartungen, enttäuschten Hoffnungen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten bezogen auf die jeweils andere Seite.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:

Oliver hat häufig seine Arbeitsmaterialien nicht vollständig dabei. Sein Lehrer hat ihn bereits mehrmals ermahnt, aber es ändert sich nichts. Olivers Eltern stellen fest, dass die Noten sich verschlechtern und folgen Olivers Erklärung, der Lehrer würde immer an ihm herumnörgeln und möge ihn nicht. Die Eltern beschweren sich beim Schulleiter darüber, dass der Lehrer ihren aufgeweckten Sohn wegen solcher Kleinigkeiten fertigmacht.

Die Eltern sind davon überzeugt, dass ein aufgewecktes gut begabtes Kind ein gewisses Maß an Unordnung schadlos übersteht.

Die Schule ist davon überzeugt, dass konsequentes Vor- und Nachbereiten des Unterrichts, d.h. auch alle Unterrichtsmaterialien dann bereit zu haben, wenn der Unterricht erteilt wird, eine wesentliche Voraussetzung für den Schulerfolg jedes Schülers ist.

Der Schulleiter versucht, diese unterschiedlichen Erwartungen von Schule und Elternhaus bewußt zu machen und klärt die Eltern darüber auf, dass die Schule von ihren pädagogisch begründeten Erwartungen nicht abrücken kann. Die nachlassenden Schulleistungen Olivers führt der Schulleiter als Beweis für die Berechtigung seiner Erwartungen an.

Die Eltern beharren darauf, dass stures Pauken und formalistisches Beharren auf Ordnung den Kindern jegliche Freude am Lernen vermiest, was die Eltern durch Olivers schlechte Schulleistungen bestätigt sehen.

Die Eltern wollen enttäuscht eine andere Schule suchen, die Schule bedauert daraufhin, einen aufgeweckten Schüler zu verlieren.

Dieser Konflikt verdeutlicht die sich widersprechenden Erwartungen seitens der Schule („Aufgeweckte Kinder haben über ein definiertes Repertoire an Arbeitstechniken zu verfügen!“) und der Eltern („Die Schule hat die Kinder angemessen zu fördern und zu fordern auch dann, wenn diese Kinder bestimmte Arbeitstechniken nicht beherrschen!“)

Im oben geschilderten Fall scheitern Olivers Eltern mit ihrem Versuch eine andere Schule für ihren Sohn zu finden und wenden sich schließlich an das Staatliche Schulamt. Dort erhalten die Eltern die dringende Empfehlung, mit dem Schulpsychologischen Dienst Kontakt aufzunehmen.

Der/die zuständige Schulpsychologe/-psychologin klärt in einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern deren Erwartungen an die Schule, sowie welche Vorstellungen über Erziehung die Eltern in der Schule vermuten.

„Was muss Oliver von zuhause an Verhaltensweisen und Umgangsformen mitbringen, um erfolgreich in der Schule mitarbeiten zu können? Was erwarten die Eltern von der Schule an Erziehungsarbeit? Was billigen sie der Schule zu, welche Grenzen soll die Schule nicht überschreiten, welche Maßnahmen soll die Schule ergreifen können und welche nicht?“

Nach dem Beratungsgespräch mit den Eltern kommt es zu einem klärenden Gespräch mit Olivers Klassenlehrer und dem Schulleiter, an dem auch die Schulpsychologin beteiligt ist. Man einigt sich auf einen „Neuanfang“, nachdem die unterschiedlichen Erwartungen aufeinander abgestimmt wurden.

Einige Wochen später entschließt sich der Schulleiter, eine Arbeitsgruppe „Erziehungsverträge“ einzurichten, an der Lehrer und Eltern gemeinsam einen Entwurf ausarbeiten sollen, der von allen Mitgliedern der Schulgemeinde getragen werden kann. Auch die Schulpsychologin wird auf Bitten des Schulleiters in die Ausarbeitung einbezogen, um die unausgesprochenen Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen von Schülern, Eltern und Lehrern zu Wort kommen zu lassen. Ein schriftlich vereinbarter Erziehungsvertrag zwischen den Eltern von Oliver und der Schule könnte schließlich die nötige Transparenz und Verantwortlichkeit schaffen, um zukünftig zum Zwecke des Lernerfolgs des Schülers miteinander zu kooperieren.

Die Klärung von Möglichkeiten und Zielen und das Aushandeln von Vereinbarungen zwischen den Beteiligten – in der Regel Eltern, Schüler und Lehrer - sind seit vielen Jahren typische Probleme in schulpsychologischen Beratungen. Häufig sind im Vorfeld bereits etliche Versuche unternommen worden, bestehende Konflikte beizulegen oder ihnen auszuweichen, die aber nicht den erhofften und gewünschten Effekt hatten. Eltern wie auch Lehrer beharren oft auf ihrer jeweiligen Position und weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu. Die Fronten verhärten sich.

Der schulpsychologische Dienst wird deshalb oft in Krisensituationen von einer Seite oder auch einvernehmlich von allen Beteiligten als Konfliktberater hinzugezogen und übernimmt damit eine ähnliche Funktion wie ein Mediator. Er vermittelt zwischen den Beteiligten und trägt zur Klärung und im günstigsten Fall auch Auflösung der Kommunikationsschwierigkeiten bei. Zwar wäre die Hinzuziehung von Schulpsychologinnen und Schulpsychologen unter präventiven Gesichtspunkten zu einem viel früheren Zeitpunkt wünschenswert. Angesichts fehlender Kapazitäten an schulpsychologischen Stellen (ein Schulpsychologe betreut z.T. deutlich mehr als 10000 Schüler) und vielfältiger Aufgaben lässt sich dies meistens nicht realisieren.

Die in der „Wiesbadener Erklärung“ erfolgte Verständigung auf Erziehungsverträge bildet ein gutes Fundament für eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen den Erziehungspartnern Schule und Elternhaus. Dies sollte dazu führen, dass die häufig bestehende Distanz zwischen Schule und Elternhaus verringert und die Kooperation zwischen den beiden Partnern verstärkt wird. Auch im Hinblick auf die Ergebnisse der PISA-Studie erscheinen Erziehungsverträge ein sinnvolles und praktikables Hilfsmittel zu sein, um die Unterstützung und Förderung von Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Da die Aushandlung von Erziehungsverträgen hohe Anforderungen an die Kooperationsbereitschaft der beteiligten Personen stellt, kann der schulpsychologische Dienst einerseits auf Wunsch als Prozessbegleiter und Moderator fungieren, andererseits mit Hilfe dieses Instrumentes systematischer präventiv tätig werden.